Turnaround-Exzellenz am Niederrhein: Scope-Freeze, Ex-Compliance und typgeprüfter Schaltschrankbau
Turnarounds und Shutdowns in Chemie- und Raffinerieanlagen zwischen Bonn und Krefeld sind nur dann turnaroundsicher, wenn der Umfang früh belastbar fixiert, die Schnittstellen sauber definiert und alle Compliance-Anforderungen integriert geplant sind. Für Projektleiter in Betrieb, E&I/EMSR, HSE und Instandhaltung hat sich folgende Checkliste bewährt:
- Scope-Freeze mit Change-Control: Definieren Sie den Leistungsumfang (EMSR, Elektromontage, Blitzschutz, DGUV V3) verbindlich, inklusive E-Komponenten, Kabelwege, Sensorik/Aktorik, Retrofits und ggf. Schaltschrankumbauten. Änderungen nur über ein formales Change Board (Auswirkung auf Safety, Termin, Kosten, Materialverfügbarkeit).
- Anlagen- und Ex-Zonen-Basis: Aktualisieren Sie R&I-Fließbilder, Tag-Liste, Instrument Index, Ex-Zonenplan (ATEX/IEC 60079) und das Explosionsschutzdokument. Stimmen Sie Zündschutzarten, Temperaturklassen, IP/IK-Schutzarten und Materialkompatibilitäten ab.
- Termin- und Ressourcenplanung: Synchronisieren Sie Shutdown-Fenster, Permit-To-Work-Slots, Sperrkreise und Bypass-Konzepte mit Betrieb und HSE. Planen Sie redundanzgerechte Umschaltungen (Cutover) und Nacht-/Wochenendfenster für kritische Arbeitsschritte.
- Qualifikations- und Rollenmatrix: Legen Sie fest, wer als Befähigte Person, Elektrofachkraft, elektrotechnisch unterwiesene Person, Schaltberechtigte und Ex-Fachkundige eingesetzt wird. Hinterlegen Sie Nachweise, Unterweisungen und Ersthelfer/Brandschutzhelfer im Projekt-QM.
- Material- und Long-Lead-Management: Prüfen Sie Ex-Zertifikate, Konformität (z. B. IEC 60079), Typprüfungen (EN 61439 für Schaltschränke) und Lieferzeiten. Reservieren Sie Alternativen bei kritischen Komponenten (SPD Typ 1/2/3, RCDs, Messumformer, Feldgeräte).
- Kommunikations- und Schnittstellenplan: Definieren Sie das Zusammenspiel mit Fremdgewerken (Mechanik, Gerüst, Isolierung), den Chempark-Dienstleistern und der Leitwarte. Legen Sie Eskalations- und Freigabewege fest.
- Prüf- und Dokumentationsstrategie: Erstellen Sie einen integrierten Inspection & Test Plan (ITP) von der Vormontage über FAT/SAT bis zur DGUV V3-Abnahme, inkl. Messverfahren, Grenzwerten, Prüfprotokollen und As-Built-Regeln (CAE/Eplan).
Als langjährig familiengeführter EMSR-Partner in dritter Generation zahlt sich insbesondere die frühe, praxisnahe Scope-Klärung mit den beteiligten DAX-Betrieben aus: Sie minimiert Nachträge, Audit-Risiken und hilft, das Shutdown-Fenster strikt einzuhalten.
2) Compliance im Fokus: Ex-Management, VDE 0105-100, Permit-to-Work, Blitzschutz, DGUV V3
Die rechtssichere Abwicklung von EMSR- und Elektromontagen in Ex-Bereichen verlangt ein konsistentes Regelwerks-Setup. Diese Punkte sollten Sie verbindlich verankern:
- Ex-Zonen-Management (ATEX/IEC 60079, BetrSichV, TRBS 1201):
- Prüfen und dokumentieren Sie die Zoneneinteilung und die Auswahl der Betriebsmittel nach IEC 60079. Stellen Sie die Übereinstimmung von Gerätegruppe, Kategorie, EPL und Temperaturklasse mit dem Medienprofil sicher.
- Vermeiden Sie Zündgefahren durch fachgerechten Potentialausgleich und Erdung, mechanischen Schutz, Dichtsysteme und temperaturgerechte Verlegung. Belegen Sie jede Installation mit Ex-Montage- und Prüfprotokollen.
- Berücksichtigen Sie TRBS 1201 für die Prüfung von Arbeitsmitteln und Anlagen in Ex-Bereichen und verknüpfen Sie diese mit der Wiederinbetriebnahmekontrolle.
- Sicheres Arbeiten an elektrischen Anlagen (VDE 0105-100):
- Setzen Sie die fünf Sicherheitsregeln konsequent um und dokumentieren Sie Schalthandlungen über Schaltaufträge. Schalthandlungen nur durch Schaltberechtigte.
- Definieren Sie LOTO-Verfahren (Lockout/Tagout) für alle Einspeisungen, inklusive Sekundärversorgung, USV und Speisungen aus Nachbaranlagen.
- Permit-to-Work und Betriebsgenehmigungen:
- Integrieren Sie Heißarbeitserlaubnisse, Freimessungen, Gaswarnkonzepte sowie Arbeiten in engen Räumen. Hinterlegen Sie Mindestabstände und Zonenkonzepte in Arbeitsfreigaben.
- Planen Sie gemeinsame Freigaberunden mit Betrieb, HSE und Leitwarte; führen Sie Toolbox-Talks vor Schichtbeginn.
- Blitzschutz nach DIN EN 62305:
- Führen Sie eine Risikoanalyse gemäß DIN EN 62305-2 durch und definieren Sie Schutzklassen sowie LPZ-Konzepte. Prüfen Sie isolierte Blitzschutzsysteme in Ex-Bereichen und Blitzstromtragfähigkeit von Ableitern.
- Koordinieren Sie Überspannungsschutz (SPD Typ 1/2/3) in Schaltanlagen und Feldverteilungen; dokumentieren Sie Messungen von Erdungs- und Schleifenwiderständen.
- Integrierte DGUV V3-Prüfung:
- Verankern Sie die DGUV V3-Prüfung im ITP, nicht erst am Ende. Prüfen Sie Schutzleiter- und Isolationswiderstand, RCD-Auslösewerte, Schleifenimpedanz, Funktions- und Drehrichtungstests.
- Verwenden Sie kalibrierte Messmittel, führen Sie eine eindeutige Kennzeichnung/Plakettierung durch und übergeben Sie digitale Prüfprotokolle an das Betreiber-DMS.
Diese Compliance-Schiene schafft Revisionssicherheit – ein zentraler Faktor, um Audits in DAX-getriebenen Umfeldern zu bestehen und die Wiederinbetriebnahme ohne Verzögerungen zu erreichen.
3) Durchführung unter Betrieb: EMSR-Montagen, Schaltschrankbau, FAT und Retrofit
Turnarounds sind selten „Greenfield“. Brownfield-Anbindungen und Arbeiten in laufender Produktion benötigen ein Vorgehen, das Sicherheit, Qualität und Taktung zusammenbringt:
- EMSR-Montagen in laufender Produktion:
- Sequenzieren Sie Arbeiten so, dass redundante Stränge, Bypass-Messstellen oder Interimsversorgungen genutzt werden. Vermeiden Sie Open Loops durch abgestimmte Loop-Cutover-Pläne.
- Setzen Sie vorkonfektionierte Kabelsätze, vorkalibrierte Feldgeräte und vorgeprüfte Klemmenleisten ein, um Montagezeiten vor Ort zu minimieren.
- Achten Sie auf ex-gerechte Kabelverschraubungen, Dichtstopfen und temperaturkonforme Verlegung. Dokumentieren Sie Zugentlastung, Schirmung und Potentialausgleich je Kabelweg.
- Führen Sie systematische Punkt-zu-Punkt-Tests, I/O-Checks und Loop-Checks durch; dokumentieren Sie jede Schleife mit Signallauf, Messbereichen, Umrechnung und KKS/Tag.
- Typgeprüfter Schaltschrankbau DACH-weit (EN 61439):
- Planen und bauen Sie Schaltanlagen gemäß EN 61439 (Kurzschlussfestigkeit, Erwärmung, IP/IK, Luft-/Kriechstrecken). Stimmen Sie Klimatisierung, Kondensationsschutz und Netzharmonik mit dem Lastprofil ab.
- Nutzen Sie einen Factory Acceptance Test (FAT) mit dem Betreiber: visuelle Prüfung, Verdrahtung, Funktion, Schutztechnik, Kommunikationsbusse. Hinterlegen Sie FAT-Protokolle, Stücklisten, Zertifikate und Bedienhinweise.
- Organisieren Sie Verpackung, Transport, Kran-/Zugangswege und Vor-Ort-Set-up mit minimaler Stillstandszeit; planen Sie den Site Acceptance Test (SAT) unmittelbar nach Anschluss.
- Retrofit-Strategien:
- Ersetzen Sie obsoleszenzgefährdete Komponenten (Leistungsschalter, Schutzrelais, Netzteile, SPS-/Remote-IO-Baugruppen) „like-for-like“ oder als modernisierten Funktionsersatz – ohne die Ex-Zulassung zu gefährden.
- Nutzen Sie modulare Umbaufenster mit vorbereiteten Montageplatten, um Alt-/Neutechnik parallel zu halten und einen schnellen Cutover zu ermöglichen.
- Binden Sie Überspannungsschutz konsequent in neue Schaltfelder ein und prüfen Sie Erdung/PA vor Inbetriebnahme.
- Personal und Aufsicht:
- Stellen Sie sicher, dass Vorarbeiter/Poliere mit Ex- und VDE-Kompetenz vor Ort sind. Befähigte Personen übernehmen Prüfungen; Schaltberechtigte steuern die Freischaltung. Halten Sie Sicherheitsunterweisungen, Betriebsanweisungen und Fremdfirmen-Einweisungen aktuell.
Gerade am Niederrhein, wo Chemparks und Raffinerien dicht getaktet arbeiten, hat sich eine „Fertig-vor-Ankunft“-Philosophie bewährt: Fertigung, FAT und Dokumentation so weit es geht vorziehen, damit auf der Baustelle nur noch installiert, geprüft und eingeschaltet wird.
4) Abnahme, As-Built, Abrechnung und Lessons Learned aus DAX-Projekten
Der erfolgreiche Abschluss steht und fällt mit der vollständigen, revisionssicheren Übergabe – und einer Abrechnung, die die Prozesse der Betreiber respektiert.
- As-Built-Dokumentation:
- Pflegen Sie CAE/Eplan auf As-Built-Stand (Schaltpläne, Klemmenpläne, Kabel- und KKS/Tag-Listen, Loop-Diagramme, Schutz- und Selektivitätskonzepte).
- Übergeben Sie Ex-Geräteregister, DGUV V3- und TRBS-1201-Prüfprotokolle, Blitzschutz-Messprotokolle sowie Schalthandlungsnachweise gebündelt und digital.
- Versehen Sie Schaltschränke und Feldausrüstung mit eindeutiger Kennzeichnung und QR-/Tag-Verlinkung zu Plänen und Prüfberichten im Betreiber-DMS.
- Abnahme und Wiederinbetriebnahme:
- Führen Sie gemeinsam mit Betrieb und HSE den SAT durch: Funktionsketten, Interlocks, Alarme, sichere Zustände bei Spannungsverlust, Stop-Kreise, Not-Halt.
- Dokumentieren Sie alle Restpunkte (Punch List) mit Fristen und Verantwortlichkeiten; schließen Sie diese vor endgültiger Freigabe.
- Aktualisieren Sie das Explosionsschutzdokument und die Gefährdungsbeurteilungen bei Änderungen an Schutzmaßnahmen oder Zoneneinteilungen.
- Abrechnung in Kundensystemen:
- Richten Sie die Leistungsnachweise so aus, dass sie in den Systemen des Kunden (z. B. Portale, Bestell-/Wareneingangs-Workflows) sauber verbucht werden. Hinterlegen Sie Stundenzettel, Materialscheine, Nachtragsfreigaben und Prüfprotokolle projektsynchron.
- Bieten Sie bei Bedarf alternative Abrechnungslogiken (Einheitspreise, Tagessätze, Rahmenverträge) an – transparent und auditfest.
- Lessons Learned zur Minimierung von Stillstandszeit und Audit-Risiken:
- Scope-Freeze + Change-Control verhindert Stillstandsverlängerungen durch schleichenden Leistungsumfang.
- Integrierte Compliance (ATEX/IEC 60079, BetrSichV, TRBS 1201, VDE 0105-100, DIN EN 62305, DGUV V3) reduziert Rückfragen von HSE/Prüfinstanzen.
- Früh-FAT im Schaltschrankbau (EN 61439) spart vor Ort Tage; standardisierte Eplan-Makros beschleunigen As-Built und verringern Fehler.
- Qualifikationsgebundenes Personal vorhalten und Schaltberechtigungen früh klären – das vermeidet Freigabestau im Shutdown.
- Permit-to-Work-Planung mit fixen Freigabeslots schafft Taktungssicherheit, insbesondere bei Heißarbeit und Arbeiten in Ex-Zonen.
- Digitale, vollständige Prüf- und Montageprotokolle ermöglichen eine schnelle Abnahme und stärken Auditfähigkeit, gerade bei DAX-gelenkten Betreiberstrukturen.
Fazit für die Niederrheinschiene von Bonn bis Krefeld: Wer Turnarounds in Chemie- und Raffinerieanlagen zuverlässig und compliant abwickeln will, braucht eine durchgängige Kette aus sauberem Scope-Freeze, Ex-konformer Ausführung, typgeprüftem Schaltschrankbau (EN 61439) mit FAT sowie integrierter DGUV V3-Prüfung – flankiert von qualifiziertem Personal, robusten Permit-Prozessen, revisionssicherer As-Built-Dokumentation und kundenkompatibler Abrechnung. Jahrzehntelange Projekterfahrung und gewachsene Partnerschaften mit Großindustrie und DAX-Unternehmen sind dabei kein Selbstzweck, sondern der beste Puffer, um Stillstände kurz zu halten und Compliance-Anforderungen im ersten Anlauf zu erfüllen.